Welche Sichtweisen, Herausforderungen und intersektional-feministische Raumansprüche bewegen uns heute als Planer*innen, Architekt*innen und Nutzer*innen? Wie vielfältig und nachhaltig engagieren sich Frauen* beim Planen, Bauen, Wohnen und woran orientieren sie sich? Wie agieren wir gemeinsam und vernetzt für unsere Zukunft? Mit diesen zentralen Fragestellungen befassten sich die Teilnehmer*innen der Veranstaltung WOMEN* IN PLANNING am 26.06.2025 in Dortmund.
Hintergrund der Veranstaltung war das erstmalig deutschlandweit durchgeführte Festival „Women* in Architecture“ (WIA*) 2025, das zur Sichtbarmachung von Frauen in Architektur, Innenarchitektur, Stadt- und Freiraumplanung sowie Bau- und Ingenieurbaukunst und Baukultur beitragen will. Im Zeitraum vom 19.-29.06.2025 fanden in diesem Rahmen in vielen deutschen Städten unterschiedliche Veranstaltungen und Ausstellungen statt. Die Fakultät Raumplanung der TU Dortmund organisierte in Kooperation mit dem Frauennetzwerk Ruhr des Regionalverbands Ruhr (RVR), dem Netzwerk GenderArchLand, der architektinnen initiative nw (ainw) und der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) einen Beitrag zu dieser Veranstaltungsreihe. Es kamen ca. 40 Teilnehmer*innen in den Räumlichkeiten der TU Dortmund zusammen, um die Keynote-Vorträge und Dialogrunden anzuhören und untereinander in einen regen Austausch zu treten.
Lara Heinkel (SRL) moderierte die Veranstaltung. Zum Auftakt begrüßten Susanne Frank, Fakultät Raumplanung, und Carolin Bieber, RVR, die Teilnehmer*innen. Im ersten Keynote-Vortrag thematisierte Barbara Zibell, GenderArchLand, die Genese feministischer Planung. Sie ging darauf ein, dass Frauen sich ab den 1970er und 1980er Jahren in den Berufsfeldern Architektur und Stadtplanung mit ihren Anliegen zunehmend öffentlich durchsetzen und feministische Themen in den Städtebau einfließen lassen konnten. Erstmalig gab es provokante Überlegungen zu frauengerechten Grundrissen und der gesellschaftlichen Stellung von Hausarbeit. Nach der Implementierung von Projekten im Wohnungs- und Städtebau von Frauen für Frauen war der Weg zu Gender-Mainstreaming im Städtebau bereitet. Nina Schuster, Fakultät Raumplanung, ergänzte in einer zweiten Keynote die aktuelle Perspektive intersektional-feministischer Stadtkritik. In ihrem Vortrag hob sie hervor, dass feministische Stadtkritik bis heute von Bedeutung ist, um Ungerechtigkeiten im Stadtraum zu überwinden. Dabei müssen besonders die Alltagsbedürfnisse von (verschiedenen Gruppen von) Stadtbewohner*innen ins Zentrum der Überlegungen gerückt werden. Die unterschiedlichen Bedürfnisse können nur durch eine gesellschaftskritisch ausgerichtete Planung und den systematischen Einbezug der Betroffenen sichtbar gemacht werden. Dies könnte langfristig zu einem Wandel hin zu einer gerechteren Stadtgesellschaft beitragen.
Im zweiten Teil präsentierten Absolventinnen aus Architektur und Stadtplanung ihre Abschlussarbeiten, die sich mit aktuellen feministischen Perspektiven im Städtebau befassten. Sarah Bauer und Anne Keiffenheim (Architektur, TH Köln) stellten ihre Masterarbeit mit dem Titel „Die emanzipierte Stadt – (k)eine Utopie?“ zur Umsetzung eines intersektional feministischen Ansatzes am City C in Leverkusen vor. Sechs Thesen der emanzipierten Stadt – z. B. „Care: Pflicht und Recht für Alle*!“ oder „Stadtraum ist Diversität“ – leiteten ihren Entwurf thematisch. Eine weitere Masterarbeit zum Thema „Die Wohnsituation Alleinerziehender“ wurde von Katharina Sieben (Architektur, RWTH Aachen) präsentiert. In ihrer Forschung ging es darum, die Erfahrungen und Bedürfnisse von Alleinerziehenden beim Wohnen herauszustellen und architektonische Lösungsansätze aufzuzeigen. 85% der Alleinerziehenden sind Frauen, und viele davon haben mit finanziellen Engpässen, Stigmatisierung, Sexismus und Wohnungslosigkeit zu kämpfen. In Interviews zu individuellen Erfahrungen von Alleinerziehenden bezüglich ihrer Wohnverhältnisse und individuellen Anpassungsstrategien stellte sich heraus, dass die klassische Raumaufteilung in Wohnzimmer, Schlafzimmer, etc. für Alleinerziehende und ihre Kinder oft nicht funktioniert. Viele stellen die eigenen Bedürfnisse zurück, nutzen das Wohnzimmer als Schlafzimmer und verzichten damit auf einen eigenen Rückzugort. Wohnküchen sind vor diesem Hintergrund kritisch zu bewerten. Folglich sollten Wohnungsgrundrisse intersektional gedacht werden und besonders Wohnungsbaugesellschaften mehr in die Verantwortung gezogen werden. Die dritte studentische Arbeit war die Bachelorarbeit von Julia Tomczyk (Raumplanung, TU Dortmund) zur Seestadt Aspern in Wien als Best-Practice-Beispiel für gendergerechte Stadtplanung. Ziel war zu prüfen, inwieweit die dortigen Ansätze auf Deutschland übertragen werden können. Dabei stellte sich heraus, dass die gendergerechten Planungskriterien in der Seestadt Aspern bereits frühzeitig durch die Stadt Wien im Planungsprozess durch den Masterplan verankert wurden. Außerdem unterstützte eine frühzeitige und kontinuierliche Partizipation die gesellschaftliche Akzeptanz gendergerechter Planungsansätze im Quartier. Für Deutschland bedeutet dies einen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Begriff ,,gendergerechte Planung”, um ein breites Verständnis dafür zu schaffen und Gender Planning von einer Zusatzleistung der Planung zu einem Kernprinzip zu machen.
Außerdem fanden zwei Dialogrunden statt, die von Fee Thissen (Urbane Transformation) moderiert wurden. Im ersten Dialog traten die beiden Keynote-Rednerinnen in Austausch mit Käthe Protze (Büro p+t planung, FOPA und NAL) und Sabrina Muth-Kieslich (Büro Lindner, ainw), beide in der Planungspraxis tätig. Sie diskutierten Erfahrungswerte und Positionen von Frauen in Planungsbüros und ihre Rolle in planerischen Entscheidungsprozessen. In einer zweiten Dialogrunde diskutierten die vier (ehemaligen) Studentinnen, die zuvor ihre Arbeiten präsentiert hatten, mit Sandra Huning (Fakultät Raumplanung) und Frederike Eyhoff (RWTH Aachen, Frauen am Reif) über die feministischen Perspektiven einer zukunftsfähigen Architektur- und Planungsausbildung. Sie tauschten sich über die aktuell unzureichende Rolle von feministischen Perspektiven in der Lehre von Architektur- und Planungsstudiengängen aus und plädierten für mehr Aufmerksamkeit, um die Breite der neuen Planer*innen und Architekt*innen für feministische Perspektiven zu sensibilisieren.
Die Veranstaltung schloss mit einer positiven Resonanz über den generationsübergreifenden Austausch ab. In einer abschließenden Diskussionsrunde zeigte sich ein breites Interesse der Teilnehmer*innen daran, diese Dialoge über feministische Perspektiven in der Planung in den nächsten Jahren im Rahmen dieser Veranstaltung fortzuführen. (Bericht: Hanna Zouhri, Sandra Huning)
Für Rückfragen: Sandra Huning (sandra.huning@tu-dortmund.de)