Die Konferenz in diesem Jahr stand unter dem Motto „Planning in Uncertain Times: Urban Futures in Transformation“. Forschende, Planer:innen und Studierende aus der ganzen Welt diskutierten u.a. Fragen des sozialen Wandels, der ökologischen Transformation, von globalen Krisen sowie deren Auswirkungen auf Städte und Räume.
Thorsten Wiechmann, Professor für Raumordnung und Planungstheorie (ROP) unserer Fakultät, präsentierte auf der AESOP-Konferenz in Istanbul zwei neue Forschungsarbeiten. Seine Beiträge beleuchteten sowohl die globale Perspektive auf die Lehre und Forschung in der Raumplanung als auch die Bedeutung von Zeit und temporalen Dynamiken in strategischer Planung.
Der erste Vortrag, „A Map of Planning – How spatial planning is taught and researched around the world“, lieferte eine vergleichende Analyse zur Lehre und Forschung im Bereich Raumplanung weltweit. Basierend auf Interviews, Beobachtungen und einer Online-Umfrage an führenden Planungsschulen auf sechs Kontinenten zeigte Wiechmann, dass trotz regional unterschiedlicher Herausforderungen eine bemerkenswerte Homogenität in der theoretischen Ausrichtung von Planungsprogrammen existiert. Die Ergebnisse unterstreichen den Einfluss internationaler Standards sowie die Rolle anglo-amerikanischer Literatur in der Fachentwicklung.
Im zweiten Vortrag, „Temporality and strategic spatial planning – Towards an analysis of the Emscher restoration process beyond path dependence“, erarbeitete Wiechmann gemeinsam mit Gérard Hutter vom IÖR neue Ansätze zur Analyse zeitlicher Prozesse in der strategischen Raumplanung. Am Beispiel des Emscher-Restaurierungsprojekts untersuchte er die Wechselwirkungen zwischen Pfadabhängigkeit und graduellen Veränderungen. Die Studie zeigt, dass komplexe regionale Strategieprozesse oft besser durch schrittweise Transformationen als durch klassische Pfadabhängigkeitsmodelle erklärt werden können.
Liudmila Slivinskaya vom Fachgebiet Raumbezogenen Modellierung (RAM) unserer Fakultät hielt einen Vortrag über die mögliche tiefere Integration der Theoriebildung zum Thema „Place“ in den Planungsprozess. Sie plädiert in ihrem Beitrag für die Kapazität des Place-Begriffs als konzeptioneller, übergreifender Bezugsrahmen zu fungieren, der Theorie und empirische Anwendung miteinander verbinden kann. Der Place-Begriff verknüpft qua Definition und somit auf natürliche Weise physische Gegebenheiten mit der menschlichen Dimension der Erfahrung. Der Place-Begriff bietet somit eine Art „Klammer“ zur Überbrückung verschiedenster Planungsdomänen, welche in ihrer alltäglichen Ausprägung und in gebündelter Form in Place-Erfahrungen münden. Frau Slivinskaya trug mit ihrem Vortrag zum Track „Theories“ bei, der eine Diskussion über das transformative Potenzial von Planungstheorien angesichts der aktuellen vielfältigen globalen Krisen eröffnete. Der vollständige verschriftlichte Beitrag mit dem Titel „What planning needs from theorizing on place in times of global challenges” wird in Kürze in den Proceedings des AESOP-Jahreskongresses 2025 veröffentlicht. Darüber hinaus nahm Frau Slivinskaya an Sitzungen der AESOP-Themengruppe „Planning education” teil, wo sie sich über Lehrmethoden und Lehrpläne für die Planung austauschte.
Lena Unger vom Fachgebiet Europäische Planungskulturen (EPK) nahm am Roundtable „COPING WITH UNCERTAINTIES AND THE POLY-CRISIS WITHIN EUROPE: THE METROPOLITAN ARENA“ und der Poster-Session teil und stellte das folgende Forschungsprojekt Clouds and Grounds – Data Centers and Planning und bisherige Ergebnisse vor.
Seit den späten 2010er Jahren erlebte die Rhein-Main-Region in Deutschland aufgrund des DE-CIX, dem weltweit größten Internet-Knotenpunkt, eine starke ansteigende Agglomeration von Rechenzentren. Die steigende Zahl von Bauanträgen in der Region führte zu einer Dilemma-Situation für Planungsbehörden. Einerseits wurden aufgrund des hohen Energieverbrauchs und Flächenknappheit Umweltbedenken laut, was auch zu Bürgerprotesten führte; Andererseits ist die Erhöhung der lokalen Rechenkapazität in Deutschland und der EU von entscheidender Bedeutung für die Erreichung digitalpolitischer Ziele in Bezug auf KI, digitale Souveränität, sowie den allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstand.
Die im Beitrag gestellte Frage lautet: „Welche Planungsdilemmata ergeben sich aus der Agglomeration von Rechenzentren in der Rhein-Main-Region und wie kann aus Planungsperspektive reagiert werden?“ Das Phänomen der regionalen Agglomeration von Rechenzentren untersucht der Beitrag als infrastructuring (Turner 2020) um die Herausforderungen und die Relevanz der regionalen Ebene für die strategische räumliche Koordination des Wachstums von Rechenzentren aufzuzeigen.
Zudem zeigen Erkenntnisse aus dem Vorhaben die Relevanz der Polykrise auf Planungsdilemmata, die sich aus der Agglomeration von Rechenzentren in der Region ergeben, auf. So führte beispielsweise die Covid-19-Pandemie zu einer verstärkten Nutzung von Internetdiensten und damit einhergehend zu einem erhöhten Bedarf an Rechenkapazitäten in Form von Rechenzentren. Eine weitere Dimension der Polykrise bezieht sich auf den daraus resultierenden Anstieg des Energiebedarfs und -verbrauchs aufgrund des Wachstums der Rechenzentrumsinfrastruktur in der Region in einer Zeit steigender Energiepreise aufgrund des Krieges in der Ukraine und der deutschen Energiewende. Im Falle Frankfurts löste die steigende Zahl von Bauanträgen für Rechenzentren stadtpolitische Dynamiken um digital infrastructuring aus, mit Spillover-Effekten in die Region.
Eindrücke von Masterstudierenden der Fakultät Raumplanung aus dem Konferenzgeschehen der AESOP
Einen besonders inspirierenden Auftakt bildete die Opening-Session der Konferenz. In der eindrucksvollen Atmosphäre einer Konzerthalle eröffnete Professorin Dr. Maria Kaika von der Universität Amsterdam mit einer Keynote die Veranstaltung. In ihrem Vortrag beleuchtete sie die Stadt als sozialen Raum, thematisierte die multiplen Krisen, mit denen Planer:innen konfrontiert sind, und hinterfragte kritisch die eurozentrische Prägung vieler stadtplanerischer Perspektiven. Die beiden anschließenden Beiträge gaben einen fundierten Überblick über die Metropole Istanbul, ihre bestehenden Planwerke ebenso wie aktuelle Herausforderungen. Damit war ein gedanklich anregender und thematisch fokussierter Start in die fünf Konferenztage gelungen.
Das umfangreiche Programm bot ein breites Spektrum an Vorträgen, Diskussionsrunden, Workshops, Exkursionen und informellen Austauschräumen. Besonders wertvoll war für uns der Dialog mit Studierenden, Forschenden und Praktiker:innen aus unterschiedlichen kulturellen und disziplinären Kontexten. Die vorgestellten Forschungsarbeiten eröffneten uns vielfältige neue Perspektiven und methodische Ansätze.
Bei der Exkursion ins Umland von Istanbul ging es um die Frage, wie eine Metropolstadt wie Istanbul mit Lebensmitteln versorgt wird.
Die Poster-Session bot einen vielfältigen Einblick in die Forschungsarbeiten der internationalen Teilnehmenden. Das Spektrum reichte von detaillierten Analysen auf Quartiersebene bis hin zu grenzüberschreitenden Projekten. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere die Themen Klimaresilienz und Klimaschutz. Besonders spannend war es, die Vielfalt an Planungskulturen zu erleben, die sich in unterschiedlichen Präsentationsformen und methodischen Zugängen zeigte.
Fazit der Studierenden
Die Teilnahme an der AESOP-Konferenz war für uns eine tolle Erfahrung. Wir konnten unser Wissen erweitern, neue Kontakte knüpfen und viele Anregungen für unser weiteres Studium mitnehmen, zudem war der Einblick in unterschiedliche Planungswelten sehr prägend. Auch die Stadt Istanbul hat uns mit ihrer Vielfalt und Atmosphäre sehr beeindruckt.
Wir können allen Studentinnen nur empfehlen, eine Förderung für die Teilnahme an einer internationalen Konferenz zu nutzen – besonders, wenn sie mit einer so spannenden Stadt wie Istanbul verbunden ist.