TU Dortmund | Fakultät Raumplanung

Neues Papier: epistemologische und methodologische Überlegungen für einen statistischen Ansatz für bedeutungsaufgeladene Orte

In den meisten planerischen und humangeographischen Denkschulen wird das Konzept des „Ortes” als irreduzibel ganzheitlich und schwer zu formalisieren charakterisiert. Dies würde generell gegen die Verwendung statistischer und quantitativer Methoden zur Untersuchung bedeutungsaufgeladener Orte sprechen.

Eine gründliche Untersuchung der Frage, ob es möglich ist, eine statistische Epistemologie auf Orte anzuwenden, fehlt jedoch bisher weitgehend. Mit Fokus auf das humanistisch-geographische Konzept des Ortes unternimmt Prof. René Westerholt in einem in Progress in Human Geography veröffentlichten Artikel einen ersten Schritt in Richtung dieses Verständnisses. Der Artikel skizziert zunächst ein Konzept des Ortes, das mit statistischen Ansätzen kompatibel ist. Im Kern basiert die gewählte Konzeptualisierung auf statistischem Essentialismus, d. h. der Annahme, dass Menschen in ihrer direkten Erfahrung als naive Essentialisten agieren und bedeutungsvollen Orten im Laufe der Zeit bewusst oder unbewusst essentielle Kriterien zuschreiben. Diese Entscheidung zugunsten des statistischen Essentialismus bietet zwei Vorteile: Sie vermeidet Kritik an einer übermäßig metaphysischen Sichtweise (stärkere Formen von Essenzen würden implizieren, dass diese irgendwo und empirisch unzugänglich existieren, jedoch ohne klare Lokalisierung) und sie hält Orte dynamisch statt statisch, da die Praxis der Essentialisierung Veränderungen zugänglich ist. Anschließend verortet der Artikel den Zufall in Orten, hauptsächlich in konkreten Ortserfahrungen und in den fortbestehenden und neu aufkommenden Konstellationen von Essenzen. Auf dieser Grundlage diskutiert der Artikel zwei Schlüsselelemente für eine zukünftige statistische Denkschule zum Thema Ort: eine Denkweise, mit der Orte auf statistisch angemessene Weise behandelt werden können, und Vorschläge für stochastische Prozesse in Bezug auf Orte. Im Hinblick auf Ersteres schlägt der Artikel eine Denkweise vor, die als „aufwärtsgerichtete synergistische Abstraktion” bezeichnet wird und die Idee beschreibt, ein Untersuchungsobjekt (hier: Ort) durch „Herauszoomen” (vereinfacht ausgedrückt) zu vereinfachen, anstatt die typische abwärtsgerichtete Abstraktion zu verwenden, die in analytischen Ansätzen zum Einsatz kommt. Die beiden vorgeschlagenen stochastischen Prozesse beziehen sich auf gelebte Erfahrungen von und mit Orten, also die Reifizierung zuvor gebildeter Orte und deren Modifikation sowie die oben erwähnten Konstellationen von Essenzen, die nach einer konkreten Erfahrung verbleiben. Ziel dieses Artikels ist es, die Perspektive für einen zukünftigen produktiven statistischen Ansatz zu Orten zu eröffnen, der die ansonsten häufige Kritik an einer quantitativen Behandlung von Orten vermeidet.

Der Artikel ist wie folgt zu finden:

Westerholt, R. (2025): Towards a statistical approach to humanistic-geographical place concepts. Progress in Human Geography. DOI: 10.1177/03091325251385581