Ausgehend von Erfahrungen aus unterschiedlichsten Städten und basierend auf seiner Forschung argumentiert Promotionsstudent Ibrahim Mubiru vom Fachgebiet RAM in seinem Kommentar, der in der Rubrik „World View“ von Nature Cities veröffentlicht wurde, dass informelle Siedlungen (die oft als ungeeignet für fortschrittliche Technologien angesehen werden) stattdessen alternative Wege für Innovationen ebnen könnten.
Städtische Umgebungen im Globalen Norden entsprechen häufig dem etablierten sechsstufigen Rahmenmodell für autonomes Fahren, das von vollständig von Menschen gesteuerten Fahrzeugen bis hin zur vollständigen Automatisierung reicht. Diese strukturierte Vision steht jedoch in starkem Kontrast zu Städten wie Kampala in Uganda oder Nairobi in Kenia, wo Verkehrssysteme auf engen, nicht markierten Straßen und in sich ständig verändernden räumlichen Gegebenheiten funktionieren. Trotz dieser infrastrukturellen Lücken weist Ibrahim Mubiru darauf hin, dass informelle Umgebungen keine Hindernisse für Innovation darstellen, sondern vielmehr einen fruchtbaren Boden für anpassungsfähige Mobilitätslösungen bieten. In Städten wie Kampala und Nairobi sind Motorradtaxis, die vor Ort als „Boda-Bodas“ bekannt sind, zu einem Eckpfeiler des städtischen Verkehrs geworden. Mit einem geschätzten Anteil von 42 % an den motorisierten Fahrten zeigen diese Dienste, wie Mobilität organisch als Reaktion auf unmittelbare Bedürfnisse entstehen kann, anstatt auf formeller Planung zu beruhen. Boda-Bodas haben beispielsweise bereits begonnen, moderne Elemente zu integrieren. Viele sind mittlerweile elektrisch und mit Fahrdienstvermittlungsplattformen verbunden, wodurch informelle Praktiken mit digitalen Systemen verschmelzen. Unternehmen wie SafeBoda haben regional expandiert und bieten mobile Zahlungsoptionen über weit verbreitete Telekommunikationsdienste an. Dieses hybride Modell veranschaulicht, wie sich Technologie in bestehende soziale und wirtschaftliche Systeme einbetten kann, anstatt diese zu ersetzen.
In seinem Kommentar argumentiert Ibrahim Mubiru, dass die autonome Mobilität in solchen Kontexten wahrscheinlich nicht dem linearen Verlauf in wohlhabenderen Ländern folgen wird. Stattdessen könnte sie sich schrittweise entwickeln und auf bestehenden Praktiken aufbauen. Ein mögliches Szenario ist die Entwicklung halbautonomer Motorradtaxis, die mit Funktionen wie Spurhalteassistent oder Fernüberwachung ausgestattet sind. Diese Systeme würden keine vollständig formalisierte Infrastruktur erfordern, könnten sich aber an die Gegebenheiten dichter, flexibler städtischer Umgebungen anpassen. Solche Visionen für den Mobilitätswandel werfen jedoch kritische Fragen hinsichtlich der Umsetzbarkeit auf. Anstatt vorgefertigte technologische Lösungen aufzuzwingen, betont der Kommentar die Bedeutung eines menschenzentrierten Designs. Informelle Transportsysteme, die oft als ineffizient angesehen werden, werden hier als Quellen „eingebetteter Mobilitätsintelligenz“ neu definiert, die lokales Wissen, Anpassungsfähigkeit und Resilienz widerspiegeln. Um zukünftige Technologien vorzubereiten, schlägt Ibrahim Mubiru einen partizipativen Ansatz vor. Gemeinden und lokale Verkehrsbetreiber sollten aktiv in die Gestaltung von Mobilitätssystemen einbezogen werden, um sicherzustellen, dass Innovationen reale Verhaltensweisen und Einschränkungen widerspiegeln. Praktische Schritte könnten die gemeinsame Kartierung von Straßen, die Einführung einfacher Adressierungssysteme und die Installation langlebiger Beschilderung umfassen, um sowohl die menschliche Navigation als auch maschinelle Sensorik zu unterstützen. Die Integration lokal generierter Daten in digitale Kartierungsplattformen würde eine Grundlage für das effektive Funktionieren autonomer Technologien schaffen. Wichtig ist, dass der Prozess iterativ bleibt, beginnend mit Versuchen in kleinem Maßstab und unter Einbeziehung kontinuierlichen Feedbacks aus der Gemeinschaft.
Die Erkenntnisse aus dem Kommentar legen nahe, dass Städte in subsaharischen Ländern und ähnlichen Regionen autonome Mobilität nicht als fernliegendes oder irrelevantes Konzept betrachten sollten. Stattdessen könnten sie durch die Nutzung bestehender Praktiken und die Priorisierung inklusiver Gestaltung neue Modelle der technologischen Integration vorantreiben. Letztendlich zielt der „World View“-Beitrag darauf ab, informelle Siedlungen nicht als Hindernisse für Innovation, sondern als aktive Akteure bei der Gestaltung der Zukunft der urbanen Mobilität neu zu definieren.
Der Kommentar ist wie folgt aufzufinden:
Mubiru, I. (2026): Autonomous mobility beyond formal cities. Nature Cities, 3, 298–299. DOI: 10.1038/s44284-026-00422-2